Cannabinoide und psychische Gesundheit: Zwischen zunehmender Verwendung und begrenzten wissenschaftlichen Erkenntnissen
Cannabinoide, vor allem CBD (Cannabidiol) und THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol), werden in Ländern, in denen die medizinische Verwendung von Cannabis erlaubt ist, zunehmend zur Behandlung von psychischen Störungen und Substanzgebrauchsstörungen (SUS) verschrieben.
Ein groß angelegter systematischer Review und eine Metaanalyse, die im März 2026 im Lancet veröffentlicht wurden, zeigen eine differenziertere Realität auf: Trotz zunehmender Akzeptanz sind die wissenschaftlichen Beweise zur Untermauerung ihrer Wirksamkeit nach wie vor begrenzt und uneinheitlich.
Eine umfassende Überprüfung der klinischen Studien
Die Studie analysierte 54 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), die zwischen 1980 und 2025 durchgeführt wurden und an denen insgesamt 2.477 Personen teilnahmen. Diese Studien untersuchten die Wirkung von Cannabinoiden auf ein breites Spektrum von Störungen, darunter Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörung, Schlaflosigkeit, Autismus-Spektrum-Störungen und verschiedene Formen von Abhängigkeit.
Die RCTs gelten als Maßstab für die klinische Forschung, doch bei fast der Hälfte der in die Analyse einbezogenen Studien wurde ein hohes Risiko für Verzerrungen festgestellt. Infolgedessen wurde die Gesamtsicherheit der Evidenz für die meisten Ergebnisse als gering eingestuft.
Diese Diskrepanz zwischen methodischer Strenge und klinischer Anwendung ist auffällig. Während die Verschreibungen von medizinischem Cannabis weltweit weiter zunehmen, bleibt die Evidenzbasis brüchig und oft nicht schlüssig.
Bereiche, in denen Cannabinoide vielversprechend erscheinen
Trotz des allgemeinen Mangels an solider Evidenz hat diese Übersicht mehrere Bereiche identifiziert, in denen Cannabinoide potenzielle therapeutische Wirkungen gezeigt haben.
Störungen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum
Eine der konsequentesten Schlussfolgerungen betrifft die Cannabis-bezogene Störung. Behandlungen, die CBD und THC kombinierten, waren mit einer Verringerung der Entzugssymptome und einem Rückgang des Gesamtkonsums verbunden.
Dieser Substitutionseffekt, d.h. die Verwendung regulierter Cannabinoidformulierungen zur Reduzierung des problematischen Konsums, passt zu den Strategien der Risikominderung, die bereits in anderen Kontexten des Substanzkonsums erforscht wurden.
Schlaf und Schlaflosigkeit
Bei Patienten mit Insomnie wurden Cannabinoide mit einer Zunahme der Gesamtschlafdauer in Verbindung gebracht, die sowohl mit elektronischen Geräten als auch mit selbstberichteten Schlaftagebüchern gemessen wurde.
Die Verbesserungen der Schlafqualität oder der Schlaflatenz waren jedoch nicht statistisch signifikant, was darauf hindeutet, dass die Nutzer zwar länger schlafen, die erholsame Qualität dieses Schlafs jedoch unklar bleibt.
Tourette-Syndrom und Tics
Die Analyse ergab auch eine Verringerung der Schwere von Tics bei Patienten mit Tourette-Syndrom, insbesondere wenn sie mit kombinierten Formulierungen von CBD und THC behandelt wurden.
Dieser Effekt trat nicht auf, wenn eine der beiden Verbindungen allein verwendet wurde, was auf einen potenziellen „Umgebungseffekt“ hindeutet, der weiter untersucht werden sollte.
Autismus-Spektrum-Störungen
Einige Daten legen nahe, dass bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen die autistischen Züge reduziert sind. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass diese Schlussfolgerung auf sehr begrenzten Daten und Studien mit einem hohen Risiko für Verzerrungen beruht.
Begrenzte oder nicht vorhandene Nachweise für die meisten Störungen
Für viele der von Patienten und Verschreibern am häufigsten genannten Beschwerden zeigten Cannabinoide im Vergleich zu Placebo keinen signifikanten Nutzen. Dazu gehören:
- Angststörungen
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)
- Psychotische Störungen
- Die Störung im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Opioiden
- Die Störung im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Kokain
- Anorexia nervosa
Die Zeitschrift fand keine randomisierten kontrollierten Studien, die Cannabinoide als Behandlung von Depressionen bewerteten, obwohl dies einer der häufigsten Gründe für den medizinischen Gebrauch von Cannabis ist.
In einigen Fällen waren die Ergebnisse nicht nur nicht schlüssig, sondern potenziell besorgniserregend. Beispielsweise wurden Cannabinoide bei Personen mit einer Kokaingebrauchsstörung mit einem erhöhten unbändigen Verlangen (dem craving) in Verbindung gebracht, was Fragen über ihre Relevanz in bestimmten Suchtkontexten aufwirft.
Sicherheitsprofil: Häufige, aber nicht schwerwiegende Nebenwirkungen
In Bezug auf die Sicherheit sind die Schlussfolgerungen ähnlich nuanciert.
Bei den Teilnehmern, die Cannabinoide erhielten, war die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen (wie Übelkeit, Schwindel oder Mundtrockenheit) im Vergleich zu denjenigen, die ein Placebo erhielten, deutlich höher. Die Studie schätzt, dass jeder siebte Patient, der mit Cannabinoiden behandelt wird, solche Wirkungen verspüren wird.
Es wurde jedoch kein Anstieg der schweren Nebenwirkungen oder der Abbruchraten beobachtet. Diese Unterscheidung ist wichtig: Zwar scheinen Cannabinoide unter kontrollierten Bedingungen keine größeren akuten Sicherheitsrisiken zu bergen, doch ihre Verträglichkeit gibt weiterhin Anlass zur Sorge.
Es sollte auch beachtet werden, dass sich die meisten Studien auf Cannabinoidprodukte in pharmazeutischer Qualität konzentrierten und nicht auf die große Vielfalt an Formulierungen mit hohem THC-Gehalt, die auf dem Markt erhältlich sind. Dies schränkt die Verallgemeinerung der Ergebnisse auf die Verwendung in der realen Praxis ein.
Eine wachsende Kluft zwischen der Praxis und den Beweisen
Eine der zentralen Schlussfolgerungen der Studie ist die wachsende Kluft zwischen der klinischen Praxis und den wissenschaftlichen Beweisen. In mehreren Ländern gehören psychische Gesundheitsstörungen zu den Hauptindikationen für die Verschreibung von medizinischem Cannabis. Für viele dieser Störungen sind die Daten, die die Wirksamkeit untermauern, jedoch entweder schwach oder gar nicht vorhanden.
Die Autoren warnen davor, dass der Einsatz von Cannabinoiden potenziell wirksamere Behandlungen verzögern oder ersetzen könnte, wie etwa kognitive Verhaltenstherapien, deren Nutzen bei Störungen wie Angstzuständen und Depressionen gut belegt ist.
Notwendigkeit einer besseren Forschung und Regulierung
In diesem Review wird eine deutliche Verbesserung der Qualität der Forschung gefordert. Zukünftige Studien sollten Folgendes umfassen:
- Größere und repräsentativere Patientenstichproben
- Eine transparente Berichterstattung über die Ergebnisse
- Ein geringerer Einfluss der Finanzierung durch die Industrie
Gleichzeitig halten die Autoren es für notwendig, die behördliche Überwachung und die Ausbildung der Angehörigen der Gesundheitsberufe zu verstärken. Viele Praktiker geben an, dass sie sich nicht darauf vorbereitet fühlen, das Risiko-Nutzen-Profil von cannabinoidbasierten Therapien zu bewerten.
Auch die Botschaften der öffentlichen Gesundheit müssen sich weiterentwickeln. In dem Maße, in dem Cannabinoide aus dem illegalen in den medizinischen Bereich gelangen, sollte die Kommunikation sowohl Übertreibung als auch Ablehnung vermeiden und sich stattdessen auf evidenzbasierte Informationen konzentrieren.
Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass Cannabinoide zwar in bestimmten Kontexten Vorteile bieten können, insbesondere bei Cannabiskonsumstörungen, Schlaflosigkeit und bestimmten neurologischen Erkrankungen, ihre routinemäßige Verwendung zur Behandlung der psychischen Gesundheit jedoch angesichts der aktuellen Datenlage selten gerechtfertigt ist.
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