Europäischer Drogenbericht 2026: Ein komplexerer und mächtigerer Cannabismarkt
Cannabis ist nach wie vor mit Abstand die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in Europa, doch der Markt dafür verändert sich in einem Tempo, das die Bewertung der gesundheitlichen Auswirkungen erschwert.
Dies ist eine der wichtigsten Feststellungen des Europäischen Drogenberichts 2026, der am 9. Juni von der EUDA, der Drogenagentur der Europäischen Union, veröffentlicht wurde. Angesichts der Diversifizierung der Produkte, des kontinuierlichen Anstiegs des THC-Gehalts, der Umstrukturierung des Drogenhandels und der noch jungen nationalen Reformen ruft die Agentur zu erhöhter Wachsamkeit auf.
Stabiler Konsum, immer vielfältigere Produkte
Laut der EUDA haben etwa 8,7 % der europäischen Erwachsenen im Alter von 15 bis 64 Jahren, also rund 25 Millionen Menschen, im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert. Bei den Jüngeren steigt die Prävalenz: 15,3 % der 15- bis 34-Jährigen (15,4 Millionen) und 18 % der 15- bis 24-Jährigen geben an, kürzlich Cannabis konsumiert zu haben, während fast 4,5 Millionen Erwachsene es täglich oder fast täglich konsumieren.
Die nationalen Trends sind weiterhin uneinheitlich: Unter den Ländern, die seit 2023 eine Erhebung veröffentlicht haben, verzeichnen drei einen Anstieg, zehn eine stabile Entwicklung und zwei einen Rückgang. Bei Jugendlichen bestätigt die ESPAD-Schülerbefragung 2024, dass Cannabis nach wie vor die am häufigsten probierte illegale Substanz ist: 13 % der 15- bis 16-jährigen Schüler haben es bereits ausprobiert. Auch die Abwasseranalyse zeichnet ein gemischtes Bild: Von den 63 im Jahr 2025 untersuchten europäischen Städten meldet ein Drittel einen Anstieg der THC-Rückstände, während in 44 % ein Rückgang zu verzeichnen ist.
Über Gras und Cannabisharz hinaus, die nach wie vor dominieren, beobachtet die Agentur eine Zunahme der Produktvielfalt. Einige weisen einen geringen THC-Gehalt auf oder enthalten CBD; andere, die auf dem illegalen Markt als Cannabis verkauft werden, entpuppen sich als mit starken synthetischen Cannabinoiden versetzt zu sein.
Die EUDA ist zudem besorgt über das Vorkommen hochkonzentrierter Extrakte und essbarer Produkte, die mit akuten Vergiftungsfällen in den Notaufnahmen in Verbindung gebracht werden, sowie über das Erscheinen von halbsynthetischen Cannabinoiden wie HHC, die häufig aus aus Hanf gewonnenem CBD hergestellt werden. Die Behörde wurde im Übrigen im Jahr 2026 damit beauftragt, die Rolle von CBD als potenzieller Vorläufersubstanz bei der Herstellung von THC zu bewerten. Im Jahr 2024 wurden mindestens drei illegale Produktionsstätten ausgehoben, zwei in den Niederlanden und eine in Polen.
Erhöhte Gesundheitsrisiken und hoher Behandlungsbedarf
Der Großteil der Risiken konzentriert sich auf den täglichen Konsum. Die EUDA weist darauf hin, dass ein intensiver Konsum mit chronischen Atemwegsbeschwerden, Abhängigkeit und psychotischen Symptomen, aber auch mit schlechteren schulischen Leistungen und einem erhöhten Risiko, mit dem Strafrechtssystem in Konflikt zu geraten, verbunden ist. Ein früher Einstieg, hochdosierte Produkte und ein langanhaltender Konsum sind die Hauptfaktoren für Komplikationen.
Diese Realität spiegelt sich in den Behandlungszentren wider. Cannabis macht mittlerweile etwa ein Drittel (33 %) der drogenbezogenen Behandlungsnachfragen in der EU, in Norwegen und in der Türkei aus und ist damit der häufigste Grund für eine Aufnahme. Von den rund 104.000 im Jahr 2024 erfassten Patienten begannen fast 62.000 eine Erstbehandlung, wobei die Substanz von 41 % der Neuaufnahmen genannt wurde.
Die Agentur hebt hervor, dass zwischen dem ersten Konsum und der ersten Behandlung durchschnittlich elf Jahre vergehen – ein langer Zeitraum, in dem ein Risiko besteht. Sie stellt zudem fest, dass häufig parallel dazu eine Raucherentwöhnung behandelt werden muss.
Die Daten aus den Krankenhäusern bestätigen diesen Druck. Im Jahr 2023 war Cannabis an mehr als 46 % der drogenbedingten Notaufnahmen in Spanien und an 28 % in Frankreich beteiligt. Im Netzwerk der Euro-DEN-Plus-Sentinel-Krankenhäuser war es im Jahr 2024 die am zweithäufigsten gemeldete Substanz nach Kokain, meist in Kombination mit anderen Substanzen. Das Medianalter der betroffenen Patienten lag bei 28 Jahren, und 74 % waren Männer.
Ein 12-Milliarden-Euro-Markt, sich neu zeichnende Handelsrouten
Der auf über 12 Milliarden Euro geschätzte europäische Markt für Cannabis generiert beträchtliche Gewinne für kriminelle Gruppen und geht in einigen Mitgliedstaaten mit einem hohen Maß an Gewalt einher.
Im Jahr 2024 gingen die Beschlagnahmungen von Cannabisharz im Vergleich zu 2023 um 42 % zurück und sanken auf einen historischen Tiefstand von 321 Tonnen, was auf einen Rückgang von 45 % in Spanien zurückzuführen ist, das mit 206 Tonnen dennoch das Land mit den meisten Beschlagnahmungen bleibt. Die Sicherstellungen von Gras blieben insgesamt stabil (199 Tonnen), wiesen jedoch in Belgien (+1.075 %) und den Niederlanden (+278 %) spektakuläre Anstiege auf, die auf große Mengen aus Nordamerika zurückzuführen sind.
Dies ist eines der wichtigsten Signale des Berichts: Die Netzwerke diversifizieren ihre Methoden und Routen. Spanische Sicherheitskräfte haben Drohnen und Schnellboote abgefangen, die Harz transportierten, während in den Häfen von Antwerpen und Rotterdam jeweils etwa 21 Tonnen beschlagnahmt wurden, hauptsächlich aus Kanada. Cannabis gelangt auch aus den Vereinigten Staaten und, in geringerem Maße, aus Thailand. Die Überproduktion und der Preisverfall auf den regulierten nordamerikanischen Märkten könnten europäische Drogenhändler dazu veranlassen, sich dort zu versorgen.
Im November 2025 gab die EUDA über das System EDAS ihre allererste Warnung heraus, in der sie auf die mit nordamerikanischem Cannabis verbundenen Risiken hinwies: hochkonzentrierte Produkte und Verunreinigungen durch potenziell gefährliche Pestizide.
Die lokale Produktion bleibt eine tragende Säule des Angebots. Im Jahr 2024 entfielen 75 % der in der EU beschlagnahmten Pflanzen auf Spanien, und jedes Jahr werden Tausende von Anbaugebieten – vom handwerklichen bis zum industriellen Maßstab – zerschlagen. Der Gehalt an THC steigt zudem weiter an: Das Harz wies im Jahr 2024 durchschnittlich 24,6 % THC auf, was dem Doppelten des Gehalts im Gras (12 %) entspricht. Innerhalb von zehn Jahren ist die Konzentration im Harz um 66 % gestiegen. Schließlich wurden im Jahr 2024 etwa 477.000 Verstöße wegen Konsums oder Besitzes registriert, gegenüber 615.000 im Jahr zuvor.
Nationale Reformen: Die Bewertung im Mittelpunkt der neuen Modelle
Mehrere Mitgliedstaaten passen ihren Rechtsrahmen an. Malta hat im Dezember 2021 den Weg geebnet, gefolgt von Luxemburg (Juli 2023) und schließlich Deutschland (Februar 2024), indem sie den Eigenanbau und den Besitz kleiner Mengen erlaubten. Deutschland und Malta erlauben darüber hinaus den gemeinnützigen Verkauf im Rahmen von betreuten Anbaugemeinschaften nach dem Vorbild der Cannabis Social Clubs.
Die Niederlande erproben seit 2025 in zehn Gemeinden ein geschlossenes System, bei dem Cannabis unter regulierten Bedingungen produziert und anschließend über die Coffeeshops vertrieben wird. Im Januar 2026 hat auch Tschechien den Anbau von drei Pflanzen für den privaten Gebrauch genehmigt.
Diese Modelle sind noch jung und heterogen. Die EUDA betont die Bedeutung der Bewertung: Deutschland und Luxemburg haben Zwischenberichte veröffentlicht, und die Agentur bereitet ein Toolkit für politische Entscheidungsträger vor. Da es an einer systematischen Erfassung des Eigenanbaus mangelt, lässt sich das tatsächliche Ausmaß des Phänomens jedoch nach wie vor nur schwer einschätzen.
Für die EUDA erfordern diese Entwicklungen – stärkere Produkte, ein komplexerer Markt, sich wandelnde rechtliche Rahmenbedingungen – vor allem mehr Daten. Die Agentur weist darauf hin, dass die Diskrepanz zwischen dem raschen Wandel des Marktes und dem Wissen über dessen Auswirkungen derzeit noch ihr größter blinder Fleck ist.
-
Cannabis in Frankreich4 Wochen ago
Neukaledonien verabschiedet einen wegweisenden Fahrplan für Hanf
-
Business4 Wochen agoEuropa genehmigt das erste aus Cannabis gewonnene Medikament zur Behandlung chronischer Schmerzen
-
Cannabis in Europa4 Wochen agoDatenleck: Eine Million Mitglieder von Cannabis-Clubs im Internet bloßgestellt
-
Cannabis in Neuseeland4 Wochen agoNeuseeland erhöht den THC-Grenzwert für Hanf auf 1 %
-
Business4 Wochen agoIn Brasilien wird über einen THC-Grenzwert von 1 % für Hanf diskutiert
-
Business3 Wochen agoAcht Jahre nach der Legalisierung wartet südafrikanisches Cannabis immer noch auf seinen legalen Markt
-
Cannabis in der Ukraine3 Wochen agoDie Ukraine stellt ihre ersten Rezepte für medizinisches Cannabis an Kriegsveteranen aus
-
Cannabis in den USA4 Wochen agoDie WNBA streicht Cannabis von ihrer Liste der verbotenen Substanzen

