Cannabis und Testosteron: Schweizer Studie räumt mit gängigen Vorstellungen auf
Seit Jahrzehnten heizt die Sorge über die Auswirkungen von Cannabis auf die männliche Fortpflanzungsgesundheit die Debatte unter Wissenschaftlern an. Während einige Studien nahelegten, dass der Konsum von Cannabis die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und die Testosteronproduktion reduzieren könnte, zeichnen neue Forschungsergebnisse der Universität Genf (UNIGE) ein differenzierteres Bild.
Die in der Zeitschrift Communications Medicine veröffentlichte Studie ergab, dass junge Männer, die Cannabis konsumieren, deutlich höhere Werte mehrerer wichtiger männlicher Sexualhormone, darunter Testosteron, aufweisen. Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass diese hormonellen Veränderungen nicht als Beweis dafür interpretiert werden sollten, dass Cannabis die Fruchtbarkeit oder die reproduktive Gesundheit verbessert.
Vielmehr verdeutlichen diese Ergebnisse die Komplexität der Beziehung zwischen Cannabis, Hormonen und dem männlichen Fortpflanzungssystem.
Zoom über Cannabis und männliche Hormone
Die Effekte von Cannabis auf das endokrine System sind seit langem Gegenstand kontroverser Diskussionen. Seit den 1970er Jahren haben Studien, die den Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Testosteronspiegel untersuchten, widersprüchliche Ergebnisse geliefert und die Wissenschaftler ohne klaren Konsens zurückgelassen.
Um der Frage weiter nachzugehen, analysierten Forscher der UNIGE und des Schweizerischen Zentrums für angewandte Humantoxikologie (SCAHT) Blutproben von 94 Schweizer Wehrpflichtigen im Alter von 18 bis 23 Jahren. Die Kohorte umfasste 47 bestätigte Cannabis-Konsumenten und 47 Nicht-Konsumenten.
Im Gegensatz zu vielen früheren Studien, die sich fast ausschließlich auf Testosteron konzentrierten, führte das Schweizer Team eine umfassende Hormonanalyse durch und untersuchte Dutzende von Steroidhormonen, die an der Fortpflanzungsfunktion und der endokrinen Regulation beteiligt sind.
Dieser Ansatz ermöglichte es den Forschern, ein viel umfassenderes Bild davon zu erhalten, wie der Cannabiskonsum die Hormonwege bei jungen Männern beeinflussen kann.
Die Testosteronwerte waren bei Cannabiskonsumenten höher
Das auffälligste Ergebnis der Studie war der Anstieg der Androgenspiegel bei Cannabiskonsumenten.
Die Forscher beobachteten, dass Cannabiskonsumenten zirkulierende Testosteron-Spiegel aufwiesen, die etwa 23% höher waren als bei Nichtkonsumenten. Zwei weitere wichtige Androgene, Androstendion, eine Vorstufe von Testosteron, und Dihydrotestosteron (DHT), eines der stärksten männlichen Sexualhormone im Körper, waren ebenfalls signifikant erhöht.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Konsum von Cannabis bei jungen Männern zu einem Anstieg des Testosterons um etwa 23% führt“, erklärte Serge Rudaz, Professor an der Sektion für Pharmazeutische Wissenschaften der UNIGE.
Es ist wichtig zu beachten, dass dieser Anstieg nicht in allen Hormonwegen beobachtet wurde. Die Forscher stellten keine signifikanten Veränderungen bei den Hormonen fest, die hauptsächlich von den Nebennieren produziert werden. Diese Unterscheidung legt nahe, dass Cannabis speziell die Hormonproduktion in den Hoden beeinflussen könnte.
Laut der Studie könnten Cannabinoide die Aktivität der Leydig-Zellen, der spezialisierten Zellen, die für die Synthese von Testosteron verantwortlich sind, beeinflussen.
Diese Ergebnisse stützen auch die Beobachtungen aus mehreren groß angelegten Bevölkerungsstudien, die in den USA und Dänemark im letzten Jahrzehnt durchgeführt wurden und ebenfalls höhere Testosteronwerte bei Cannabiskonsumenten berichteten.
Insgesamt stellen diese Daten die langjährige Annahme, dass der Konsum von Cannabis zwangsläufig die Testosteronproduktion hemmt, zunehmend in Frage.
Warum sind die Testosteronspiegel höher?
Während die hormonellen Unterschiede offensichtlich zu sein scheinen, sind die Mechanismen, die ihnen zugrunde liegen, unklar. Eine Hypothese ist, dass Cannabinoide direkt mit dem Endocannabinoid-System des Körpers interagieren, einem Netzwerk von Rezeptoren und Signalmolekülen, das an der Regulierung zahlreicher physiologischer Prozesse, einschließlich der Fortpflanzung, beteiligt ist.
Cannabinoidrezeptoren finden sich entlang der gesamten Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse, dem Hormonsystem, das die Fortpflanzungsfunktion steuert. Sie sind auch in den Hoden selbst zu finden, insbesondere in den Leydig-Zellen.
Die Forscher glauben daher, dass Cannabinoide die Testosteronsynthese direkt verändern könnten, wobei die Studie nicht genau festlegt, wie dieser Prozess abläuft.
Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass der Anstieg des Testosterons eine kompensatorische Reaktion darstellt. Wenn die Exposition gegenüber Cannabinoiden die Empfindlichkeit der Androgenrezeptoren verringert, kann der Körper die Hormonproduktion erhöhen, um eine normale biologische Funktion aufrechtzuerhalten.
Die Forscher räumen auch eine umgekehrte Kausalitätshypothese ein. Männer, die von Natur aus höhere Testosteronwerte aufweisen, könnten eher zu Risikoverhalten neigen und daher anfangs eher Cannabis konsumieren.
Da es sich bei der Studie eher um eine Beobachtungsstudie als um eine experimentelle Studie handelte, lässt sich aus ihr nicht ableiten, welche Erklärung zutrifft.
Ein höherer Testosteronspiegel bedeutet nicht eine höhere Fruchtbarkeit
Eine der wichtigsten Botschaften dieser Forschung ist, dass ein höherer Testosteronspiegel nicht als Beweis für eine verbesserte Fruchtbarkeit interpretiert werden sollte. Die Beziehung zwischen Hormonspiegel und reproduktiver Gesundheit ist viel komplexer.
Frühere Studien berichteten über Assoziationen zwischen Cannabiskonsum und einer verringerten Anzahl, Konzentration, Motilität und Lebensfähigkeit der Spermien. Andere Studien stellten jedoch nur geringe oder keine Auswirkungen auf die Spermienqualität fest.
Die wissenschaftliche Literatur bleibt also gespalten.
Die Schweizer Forscher weisen darauf hin, dass ihre Ergebnisse eher Informationen über die Hormonproduktion als über die reproduktiven Ergebnisse liefern. Obwohl Cannabiskonsumenten höhere Werte von Testosteron und anderen Androgenen aufwiesen, stellte die Studie nicht fest, ob diese hormonellen Veränderungen zu positiven oder negativen Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit führten.
Tatsächlich deuten einige Daten darauf hin, dass Cannabis die biologischen Prozesse, die an der Spermienfunktion beteiligt sind, beeinträchtigen könnte, selbst wenn die Testosteronwerte normal oder hoch bleiben.
Daher sagen die Forscher, dass weitere Arbeiten erforderlich sind, bevor Schlussfolgerungen über die weitergehenden Auswirkungen des Cannabiskonsums auf die Fortpflanzung gezogen werden können.
Identifizierung neuer Biomarker
Über Testosteron hinaus hat die Studie auch zwei Hormone hervorgehoben, die nützliche Biomarker für die Cannabis-Exposition werden könnten.
Diese als 11β-Hydroxyprogesteron (11β-OHP4) und 5β-Dihydroprogesteron (5β-DHP4) bekannten Verbindungen wurden bei Cannabiskonsumenten in deutlich höheren Konzentrationen nachgewiesen als bei Nicht-Konsumenten.
Die Forscher glauben, dass diese Hormone Wissenschaftlern dabei helfen könnten, endokrine Störungen im Zusammenhang mit dem Cannabiskonsum zu überwachen.
Die Studie ergab auch, dass 11β-OHP4 als allgemeiner Marker für die Cannabisexposition zu dienen scheint, während 5β-DHP4 auch die Intensität des Konsums widerspiegeln könnte. Die 5β-DHP4-Spiegel waren bei chronischen Konsumenten signifikant höher als bei Gelegenheitskonsumenten.
„Vor allem sollte diese Entdeckung die wissenschaftliche Gemeinschaft ermutigen, ihre Studien auszuweiten, um neue, bisher vernachlässigte Hormone einzubeziehen, die auch eine Rolle im männlichen Fortpflanzungssystem spielen könnten“, sagte Mathieu Galmiche, Hauptautor der Studie.
Ein schnell wachsendes Forschungsgebiet
Obwohl die Ergebnisse wertvolle neue Daten liefern, warnen die Autoren vor einer übermäßigen Interpretation der Ergebnisse. Die Forschung umfasste nur junge Schweizer Männer und spiegelt eine relativ neue Exposition gegenüber Cannabis wider. Sie liefert keine Informationen über langfristige Auswirkungen, ältere Bevölkerungsgruppen, Frauen oder ehemalige Konsumenten.
Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Schlaf, Stresslevel und Alkoholkonsum können die Hormonproduktion ebenfalls beeinflussen und konnten nicht vollständig kontrolliert werden.
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